Gegenüber

Gegenüber: Später war er weg, Teil 17

Am Vormittag fiel er mir zum ersten Mal auf.

Nicht sofort beim Aufsperren, nicht in der ersten Stunde, wenn der Tag noch damit beschäftigt ist, überhaupt einer zu werden. Eher danach, als draußen schon Bewegung auf dem Marktplatz lag und drinnen die ersten Tassen ihren festen Rhythmus gefunden hatten. Ein Mann ging über den Platz. Dann wieder zurück. Dann noch einmal. Nicht hastig, nicht langsam. Einfach so, als hätte er etwas zu tun, das ihn immer wieder an dieselbe Strecke band.

Er trug etwas auf dem Kopf, das im Licht silbrig wirkte. Kein richtiger Hut vielleicht. Eher etwas zwischen Kappe, Stoff und einer improvisierten Idee. Immer wenn die Sonne darauf fiel, blitzte es kurz auf. Nicht genug, um daraus eine Szene zu machen. Aber genug, damit man wieder hinsah. Später merkte ich, dass er leise sprach. Nicht zu jemandem, der neben ihm ging. Nicht ins Handy. Einfach vor sich hin oder mit sich selbst oder in einen Tag hinein, der ihm offenbar Antwort genug war.

Vom Café aus sieht man so etwas besser, als einem manchmal lieb ist. Menschen glauben oft, sie seien unterwegs nur Teil ihrer eigenen Wege. Dabei kreuzen sie ständig die Blicke anderer, von denen sie nichts wissen. Im Café wurde er natürlich bemerkt. Eine Frau am Fenster sah ihm länger nach, als sie ihrem Kaffee Aufmerksamkeit schenkte. Zwei Männer draußen drehten sich kurz um, als er zum dritten oder vierten Mal an ihnen vorbeiging. Und ein Stammgast, der grundsätzlich zu allem eine kleine Meinung übrig hat, sagte nur: „Der läuft ja schon den ganzen Vormittag.“

Ich nickte. Mehr nicht. Man muss nicht jeden Menschen gleich zum Thema machen, nur weil er auffällt. Und trotzdem veränderte er den Platz.

Nicht groß. Nicht so, dass plötzlich alles still geworden wäre. Eher wie ein zusätzlicher Takt in einem ohnehin laufenden Tag. Dort, wo sonst die gewohnten Wege, Taschen, Besorgungen und kurzen Begegnungen das Bild ergeben, ging heute immer wieder derselbe Mann hindurch, sprach vor sich hin und schob eine seltsame Art von Unruhe mit sich her, die nicht bedrohlich war, aber spürbar.

Gegen Mittag war er noch immer da.

Die Hitze hing ein wenig tiefer als gestern. Schatten wurden auf einmal wichtiger als Plätze in der Sonne. Der Mann ging trotzdem weiter. Einmal blieb er kurz stehen, direkt gegenüber vom Café, sah zur Kirche hinüber und sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Vielleicht war es auch besser so. Manche Sätze verlieren, sobald man sie klar hört.

Dann ging er weiter.

Es gibt in Städten Menschen, die gehören an einem Tag plötzlich so sehr zum Bild, dass man fast vergisst, dass sie am nächsten Morgen vielleicht gar nicht mehr da sein werden. Vielleicht war er genau so jemand. Keiner, den man kennt. Keiner, auf den etwas zuläuft. Einfach nur ein Mann mit einem silbrigen Etwas auf dem Kopf, der den Marktplatz für ein paar Stunden anders aussehen ließ.

Am Nachmittag wurde es im Café voller, dann wieder leerer, dann so dazwischen wie an ganz normalen Tagen. Ich hatte zu tun, sah hinaus, sah wieder weg, stellte Tassen ab, spülte Gläser, hörte halbe Sätze, die niemand zu Ende sprach.

Irgendwann fiel mir auf, dass ich ihn länger nicht mehr gesehen hatte.

Nicht zehn Minuten. Nicht eine Viertelstunde. Länger.

Ich trat kurz nach vorn ans Fenster. Der Platz lag da wie immer. Menschen gingen vorbei, zwei Kinder liefen quer über das Pflaster, vor der Kirche blieb jemand im Schatten stehen, ein Radfahrer schob sein Fahrrad statt darauf zu sitzen. Aber der Mann war nicht mehr da. So schnell geht das manchmal.

Ein Mensch fällt einem einen halben Tag lang auf, als würde er etwas mitbringen, das sich nicht einordnen lässt. Und dann ist er einfach verschwunden, ohne dass man gesehen hätte, wohin.

Später war er weg. Mehr weiß ich nicht. Nur, dass Ravenau an manchen Tagen einen Menschen nicht braucht, um ihm eine Geschichte zu geben.

Es reicht schon, dass er lange genug über denselben Platz geht und etwas sagt, das niemand versteht.

Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.