Heute fiel das Wort schon vor dem ersten Cappuccino: Hitzewelle.
Nicht von mir. Von einem Mann, der hereinkam, als hätte ihn die Wärme schon auf dem halben Weg durch Ravenau persönlich beleidigt. Er stellte sich an den Tresen, sah hinaus auf den Marktplatz, auf dem das Licht schon am Vormittag flimmerte, und sagte nur: „Also das ist jetzt dann schon wieder so eine richtige Hitzewelle.“
Ich nickte, weil Menschen bei Temperaturen wie heute selten eine Antwort wollen. Meistens wollen sie nur hören, dass jemand ihr Empfinden kurz bestätigt, bevor sie es mit in den Tag nehmen.
Draußen lag die Hitze früh auf dem Pflaster. Nicht aggressiv. Eher bestimmt. So, als hätte der Tag von Anfang an klargemacht, dass heute nichts leicht gehen würde, schon gar nicht schnell. Selbst die Schritte über den Platz sahen langsamer aus. Die paar Leute, die um diese Uhrzeit sonst mit Zug im Gang vorbeigehen, bewegten sich heute wie Menschen, die irgendwohin mussten, aber nicht einsahen, warum ausgerechnet jetzt.
Im Café wollten plötzlich alle kalte Dinge. Mehr Wasser. Mehr Eis. Weniger Milch. Ein Mann fragte, ob wir den neuen Drink auch „ganz kalt und ohne alles Warme“ machen könnten, was als Wunsch erstaunlich präzise und zugleich vollkommen unpräzise klang.
Das Wort fiel noch öfter. Hitzewelle hier Hitzewelle da. Im Radio auch. Am Nebentisch sowieso. Früher, dachte ich irgendwann beim Gläserpolieren, war das einfach Sommer.
Nicht besser. Nicht harmloser. Nicht automatisch romantischer. Aber sprachlich zumindest gerader. Es war heiß, man schwitzte, man suchte Schatten, man trank etwas Kaltes und sagte vielleicht am Abend, dass es morgen bitte ein Grad weniger sein dürfte. Heute klingt selbst Wärme oft schon, als müsste man sich für sie entschuldigen, bevor man sie überhaupt genießt.
Dabei ist Ravenau an solchen Tagen fast schön in seiner Müdigkeit. Die Kirche gegenüber steht im hellen Licht da, als hätte sie beschlossen, sich von der Hitze nichts anmerken zu lassen. Die Fensterläden an den Häusern bleiben länger geschlossen. Gespräche werden kürzer. Und auf dem Marktplatz entstehen diese kleinen Inseln aus Schatten, die plötzlich wichtiger sind als alles, was sonst noch geplant war.
Eine Frau am Fenster sagte heute, sie liebe den Sommer, aber das hier sei nun wirklich zu viel. Der Mann bei ihr sagte: „Früher war’s auch heiß.“ Sie antwortete nicht sofort. Dann sagte sie: „Früher hat man’s halt anders genannt.“ Das gefiel mir.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied. Nicht nur die Temperatur. Sondern die Wörter, die wir ihr geben. Wie schnell aus Sommer Lage wird, aus Wärme Warnung und aus einem heißen Tag etwas, das klingt, als müsse man es erst verwalten, bevor man darin leben darf.
Gegen Mittag war das Café voller träger Bewegungen. Niemand hatte es eilig, obwohl viele so aussahen, als hätten sie noch einiges vor. Draußen glitzerte irgendwo eine Wasserflasche im Licht. Ein Kind zog seine Mutter quer über den Platz in Richtung Eis. Und selbst der Wind, der kurz durch die offene Tür kam, fühlte sich nicht an wie Erleichterung, sondern nur wie warme Luft mit Absicht.
Ich weiß nicht, ob es heute wirklich eine Hitzewelle war. Ich weiß nur, dass Ravenau an solchen Tagen anders spricht. Leiser vielleicht. Langsamer. Und dass ich das Wort Sommer immer noch lieber mag.
Es klingt nach Leben. Nicht nach Schlagzeile.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.
Heute fiel das Wort schon vor dem ersten Cappuccino: Hitzewelle.
Nicht von mir. Von einem Mann, der hereinkam, als hätte ihn die Wärme schon auf dem halben Weg durch Ravenau persönlich beleidigt. Er stellte sich an den Tresen, sah hinaus auf den Marktplatz, auf dem das Licht schon am Vormittag flimmerte, und sagte nur: „Also das ist jetzt dann schon wieder so eine richtige Hitzewelle.“
Ich nickte, weil Menschen bei Temperaturen wie heute selten eine Antwort wollen. Meistens wollen sie nur hören, dass jemand ihr Empfinden kurz bestätigt, bevor sie es mit in den Tag nehmen.
Draußen lag die Hitze früh auf dem Pflaster. Nicht aggressiv. Eher bestimmt. So, als hätte der Tag von Anfang an klargemacht, dass heute nichts leicht gehen würde, schon gar nicht schnell. Selbst die Schritte über den Platz sahen langsamer aus. Die paar Leute, die um diese Uhrzeit sonst mit Zug im Gang vorbeigehen, bewegten sich heute wie Menschen, die irgendwohin mussten, aber nicht einsahen, warum ausgerechnet jetzt.
Im Café wollten plötzlich alle kalte Dinge. Mehr Wasser. Mehr Eis. Weniger Milch. Ein Mann fragte, ob wir den neuen Drink auch „ganz kalt und ohne alles Warme“ machen könnten, was als Wunsch erstaunlich präzise und zugleich vollkommen unpräzise klang.
Das Wort fiel noch öfter. Hitzewelle hier Hitzewelle da. Im Radio auch. Am Nebentisch sowieso. Früher, dachte ich irgendwann beim Gläserpolieren, war das einfach Sommer.
Nicht besser. Nicht harmloser. Nicht automatisch romantischer. Aber sprachlich zumindest gerader. Es war heiß, man schwitzte, man suchte Schatten, man trank etwas Kaltes und sagte vielleicht am Abend, dass es morgen bitte ein Grad weniger sein dürfte. Heute klingt selbst Wärme oft schon, als müsste man sich für sie entschuldigen, bevor man sie überhaupt genießt.
Dabei ist Ravenau an solchen Tagen fast schön in seiner Müdigkeit. Die Kirche gegenüber steht im hellen Licht da, als hätte sie beschlossen, sich von der Hitze nichts anmerken zu lassen. Die Fensterläden an den Häusern bleiben länger geschlossen. Gespräche werden kürzer. Und auf dem Marktplatz entstehen diese kleinen Inseln aus Schatten, die plötzlich wichtiger sind als alles, was sonst noch geplant war.
Eine Frau am Fenster sagte heute, sie liebe den Sommer, aber das hier sei nun wirklich zu viel. Der Mann bei ihr sagte: „Früher war’s auch heiß.“ Sie antwortete nicht sofort. Dann sagte sie: „Früher hat man’s halt anders genannt.“ Das gefiel mir.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied. Nicht nur die Temperatur. Sondern die Wörter, die wir ihr geben. Wie schnell aus Sommer Lage wird, aus Wärme Warnung und aus einem heißen Tag etwas, das klingt, als müsse man es erst verwalten, bevor man darin leben darf.
Gegen Mittag war das Café voller träger Bewegungen. Niemand hatte es eilig, obwohl viele so aussahen, als hätten sie noch einiges vor. Draußen glitzerte irgendwo eine Wasserflasche im Licht. Ein Kind zog seine Mutter quer über den Platz in Richtung Eis. Und selbst der Wind, der kurz durch die offene Tür kam, fühlte sich nicht an wie Erleichterung, sondern nur wie warme Luft mit Absicht.
Ich weiß nicht, ob es heute wirklich eine Hitzewelle war. Ich weiß nur, dass Ravenau an solchen Tagen anders spricht. Leiser vielleicht. Langsamer. Und dass ich das Wort Sommer immer noch lieber mag.
Es klingt nach Leben. Nicht nach Schlagzeile.
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Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.
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