Heute habe ich mir den Fuß verknackst.
Nicht dramatisch. Kein Sturz, kein Heldentum, keine Geschichte, die man später mit viel Gestik erzählen müsste. Eher eine dieser lächerlich banalen Bewegungen, bei denen man sich im selben Moment schon ärgert, weil man genau weiß, dass es eigentlich vermeidbar gewesen wäre.
Die Tasse war schuld. Oder ich. Wahrscheinlich ich.
Es war noch vor dem großen Vormittagsrhythmus, diese halbe Stunde, in der das Café schon offen ist, aber noch nicht ganz in Fahrt. Zwei Gäste waren da, einer am Fenster, einer draußen mit Blick auf den Platz. Ich hatte gerade gespült, stellte etwas zurück, drehte mich einen Tick zu schnell und sah im selben Moment, wie eine Tasse von der Ablage rutschte.
Gelb.
Ich weiß nicht, warum mir das sofort aufgefallen ist. Vielleicht, weil Gelb in Ravenau inzwischen nie ganz nur Gelb ist. Vielleicht, weil ich ziemlich sicher war, dass wir so eine Tasse gar nicht haben.
Sie fiel nicht einmal richtig. Sie kippte nur blöd, blieb halb an einem Geschirrtuch hängen und landete schließlich doch auf dem Boden, ohne zu zerspringen. Ein unnötig eleganter Abgang für etwas, das einfach hätte stehenbleiben können.
Ich machte einen Schritt, wollte sie noch erwischen oder wenigstens ordentlich aufheben, trat dabei unglücklich auf und merkte sofort, dass mein Fuß diese Bewegung anders bewertet hatte als ich.
Nicht schlimm. Aber eben auch nicht nichts.
Dieser kurze, scharfe Schmerz, der einen gleichzeitig zusammenzucken und still werden lässt. Ich stand einen Moment mit der Hand am Tresen und tat so, als wäre das alles unter Kontrolle. Wahrscheinlich merkt man Menschen gerade in solchen Sekunden am deutlichsten an, wie sehr sie hoffen, niemand hätte zugesehen.
Natürlich hatte jemand zugesehen.
Die Frau draußen am Tisch sah kurz herein, hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Der Mann am Fenster tat immerhin so, als hätte er gerade sehr konzentriert auf den Platz geschaut. Dafür mochte ich ihn in diesem Moment ein wenig.
Als ich mich dann langsamer hinunterbeugte und die Tasse aufhob, dachte ich wieder dasselbe: Woher kam die eigentlich?
Sie war nicht grell. Kein sonniges, fröhliches Gelb. Eher ein ruhiger Ton, weich, fast schon altmodisch. Die Art von Farbe, die auf einmal da ist und so aussieht, als hätte sie schon immer dazugehört, obwohl man ziemlich sicher ist, sie gestern noch nicht gesehen zu haben.
Ich stellte sie auf die Theke und sah sie einen Moment an, als könnte sie mir selbst eine Antwort geben.
Nichts.
Draußen zog der Vormittag über den Marktplatz wie immer. Leute mit zu viel im Kopf und zu wenig Zeit, ein paar Schritte in Richtung Kirche, irgendwo ein Fahrrad, das zu schnell über das Pflaster musste. Alles normal. Nur mein rechter Fuß erinnerte mich bei jeder Bewegung daran, dass auch ein ganz gewöhnlicher Tag seine kleinen Rachemomente haben kann.
Später, als kurz Ruhe war, sah ich noch einmal zu der gelben Tasse hinüber.
Sie passte nicht schlecht ins Café. Das war vielleicht das Seltsamste daran. Sie wirkte nicht fremd, nicht falsch, nicht wie ein Irrtum. Eher wie etwas, das sich still in ein Bild geschoben hat, das vorher schon vollständig gewesen war.
Vielleicht ist genau das das Problem mit manchen Dingen in Ravenau: Man merkt nicht, wann sie anfangen dazuzugehören.
Mein Fuß wird morgen wahrscheinlich beleidigt sein. Die Tasse stand am Ende des Tages noch immer dort.
Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob sie vorher schon da war. Oder ob sie einfach beschlossen hat, sich heute von mir bemerken zu lassen.
—
Dies ist nur ein Augenblick. Ravenau hat noch viele davon.
Heute habe ich mir den Fuß verknackst.
Nicht dramatisch. Kein Sturz, kein Heldentum, keine Geschichte, die man später mit viel Gestik erzählen müsste. Eher eine dieser lächerlich banalen Bewegungen, bei denen man sich im selben Moment schon ärgert, weil man genau weiß, dass es eigentlich vermeidbar gewesen wäre.
Die Tasse war schuld. Oder ich. Wahrscheinlich ich.
Es war noch vor dem großen Vormittagsrhythmus, diese halbe Stunde, in der das Café schon offen ist, aber noch nicht ganz in Fahrt. Zwei Gäste waren da, einer am Fenster, einer draußen mit Blick auf den Platz. Ich hatte gerade gespült, stellte etwas zurück, drehte mich einen Tick zu schnell und sah im selben Moment, wie eine Tasse von der Ablage rutschte.
Gelb.
Ich weiß nicht, warum mir das sofort aufgefallen ist. Vielleicht, weil Gelb in Ravenau inzwischen nie ganz nur Gelb ist. Vielleicht, weil ich ziemlich sicher war, dass wir so eine Tasse gar nicht haben.
Sie fiel nicht einmal richtig. Sie kippte nur blöd, blieb halb an einem Geschirrtuch hängen und landete schließlich doch auf dem Boden, ohne zu zerspringen. Ein unnötig eleganter Abgang für etwas, das einfach hätte stehenbleiben können.
Ich machte einen Schritt, wollte sie noch erwischen oder wenigstens ordentlich aufheben, trat dabei unglücklich auf und merkte sofort, dass mein Fuß diese Bewegung anders bewertet hatte als ich.
Nicht schlimm. Aber eben auch nicht nichts.
Dieser kurze, scharfe Schmerz, der einen gleichzeitig zusammenzucken und still werden lässt. Ich stand einen Moment mit der Hand am Tresen und tat so, als wäre das alles unter Kontrolle. Wahrscheinlich merkt man Menschen gerade in solchen Sekunden am deutlichsten an, wie sehr sie hoffen, niemand hätte zugesehen.
Natürlich hatte jemand zugesehen.
Die Frau draußen am Tisch sah kurz herein, hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Der Mann am Fenster tat immerhin so, als hätte er gerade sehr konzentriert auf den Platz geschaut. Dafür mochte ich ihn in diesem Moment ein wenig.
Als ich mich dann langsamer hinunterbeugte und die Tasse aufhob, dachte ich wieder dasselbe: Woher kam die eigentlich?
Sie war nicht grell. Kein sonniges, fröhliches Gelb. Eher ein ruhiger Ton, weich, fast schon altmodisch. Die Art von Farbe, die auf einmal da ist und so aussieht, als hätte sie schon immer dazugehört, obwohl man ziemlich sicher ist, sie gestern noch nicht gesehen zu haben.
Ich stellte sie auf die Theke und sah sie einen Moment an, als könnte sie mir selbst eine Antwort geben.
Nichts.
Draußen zog der Vormittag über den Marktplatz wie immer. Leute mit zu viel im Kopf und zu wenig Zeit, ein paar Schritte in Richtung Kirche, irgendwo ein Fahrrad, das zu schnell über das Pflaster musste. Alles normal. Nur mein rechter Fuß erinnerte mich bei jeder Bewegung daran, dass auch ein ganz gewöhnlicher Tag seine kleinen Rachemomente haben kann.
Später, als kurz Ruhe war, sah ich noch einmal zu der gelben Tasse hinüber.
Sie passte nicht schlecht ins Café. Das war vielleicht das Seltsamste daran. Sie wirkte nicht fremd, nicht falsch, nicht wie ein Irrtum. Eher wie etwas, das sich still in ein Bild geschoben hat, das vorher schon vollständig gewesen war.
Vielleicht ist genau das das Problem mit manchen Dingen in Ravenau: Man merkt nicht, wann sie anfangen dazuzugehören.
Mein Fuß wird morgen wahrscheinlich beleidigt sein. Die Tasse stand am Ende des Tages noch immer dort.
Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob sie vorher schon da war. Oder ob sie einfach beschlossen hat, sich heute von mir bemerken zu lassen.
—
Dies ist nur ein Augenblick. Ravenau hat noch viele davon.
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