Gegenüber

Gegenüber: Der gelbe Rollator, Teil 18

Heute stand plötzlich wieder Farbe auf dem Marktplatz.

Nicht im Himmel, nicht auf den Tischen, nicht in irgendeinem Blumenbeet, das sich im Sommer zu wichtig nimmt. Sondern in einem Mann, den ich eine ganze Weile nicht gesehen hatte und von dem ich nicht sicher war, ob er überhaupt wiederkommen würde. Er war Stammgast, bevor er verschwand.

Nicht einer von denen, die jeden Morgen um Punkt acht vor derselben Tasse sitzen, eher die andere Sorte Stammgast: jemand, der zu einem Ort gehört, auch wenn er nicht dauernd da ist. Einer, den man bemerkt, wenn er kommt, und noch mehr, wenn er länger nicht kommt. Er war im Krankenhaus, hieß es irgendwann. Nichts Genaues. Nur Krankenhaus. So reden Städte wie Ravenau über das, was sie bewegt und gleichzeitig in Ruhe lassen wollen.

Heute kam er zurück.

Langsam, aber nicht unsicher. Aufrecht genug, um nicht nach Mitleid auszusehen. Und mit einem gelben Rollator, der schon von der anderen Seite des Platzes aus zu sehen war. Dazu trug er einen roten Jogginganzug. Nicht dunkelrot, nicht vorsichtig. Richtig rot. Die Art von Rot, die sich nicht entschuldigt und auch nicht darum bittet, noch tragbar genannt zu werden. Ich musste lächeln, noch bevor er die Tür erreichte.

Früher war er in Ravenau so etwas wie ein heimlicher Trendsetter. Nicht offiziell natürlich. Niemand hätte das wahrscheinlich so gesagt. Aber wenn er im Sommer in einem türkisen Trainingsanzug auftauchte oder an kühleren Tagen in Lila, Blau oder Grün, dann sah es nie aus wie Verkleidung. Eher wie jemand, der irgendwann beschlossen hatte, dass Alter kein Grund ist, farblos zu werden.

Und diesem Beschluss war er treu geblieben. Heute also Rot. Und Gelb.

Als er hereinkam, sagte er nur: „Na, mich gibt’s auch noch.“

Ich antwortete: „Und wie.“

Mehr brauchte es in dem Moment nicht.

Er bestellte dasselbe wie früher. Setzte sich nicht sofort, sondern blieb erst einen Augenblick stehen, als müsste er selbst kurz prüfen, ob noch alles an seinem Platz ist. Das Fenster. Die Tische. Die Maschine. Die Tassen. Vielleicht auch ich. Dann schob er den gelben Rollator langsam zur Seite, so selbstverständlich, als hätte er nie etwas anderes getan, und setzte sich an einen Tisch mit Blick nach draußen.

Es gibt Menschen, die kommen nach Krankheit kleiner zurück. Nicht körperlich vielleicht. Aber in der Art, wie sie einen Raum betreten. Bei ihm war das nicht so.

Er wirkte nicht gesund im übermütigen Sinn. Nicht geschniegelt wiederhergestellt. Eher wie jemand, der ein paar Wochen mit dem Leben verhandelt hat und nun beschlossen hatte, den Rest wieder in seinen eigenen Farben zu führen.

Ich glaube, das hat mich so gefreut.

Nicht nur, dass er wieder da war. Sondern wie.

Mit rotem Stoff an den Beinen und gelbem Rollator an der Hand, als wären beides keine Zeichen von Verlust, sondern einfach die neue Form, in der er sich durch Ravenau bewegt. Vielleicht ist genau das Würde. Nicht das Weglassen von Hilfen. Sondern die Art, sie mitzunehmen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Eine Frau am Nebentisch sah kurz zu ihm hinüber und lächelte. Nicht mitleidig. Eher anerkennend. Als hätte sie denselben Gedanken gehabt wie ich, nur ohne Worte: Gut, dass er wieder da ist. Gut, dass er immer noch so aussieht, als hätte das Leben ihn nicht auf Beige heruntergedimmt.

Draußen lief der Vormittag über den Platz wie immer. Schritte, Taschen, ein Fahrrad, die Kirche im Licht. Drinnen saß ein Mann im roten Jogginganzug und trank seinen Kaffee, als sei Rückkehr nichts Spektakuläres, sondern einfach der nächste richtige Schritt.

Vielleicht war es kein verliebter Blick, mit dem ich ihn ansah. Nicht wirklich. Aber etwas in dieser Richtung.

Nicht auf den Mann selbst. Eher auf die Vorstellung, dass Alter nicht automatisch Verzicht auf Farbe sein muss. Dass ein gelber Rollator und ein roter Anzug zusammen vielleicht mehr über Haltung sagen als jede kluge Rede über Würde. Dass man älter werden kann, ohne sich aus dem Bild der Welt zurückzunehmen.

Als er später ging, brauchte er Zeit. Aber er brauchte keine Hilfe. Vor der Tür drehte er sich noch einmal halb um, hob die Hand und sagte: „Nächste Woche wieder.“

Dann schob er das Gelb über das Pflaster und das Rot gleich mit.

Und für einen kurzen Moment sah Ravenau heller aus als vorher.

Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.