Gegenüber

Gegenüber: Er macht das noch immer, Teil 8

Manche Gewohnheiten fallen einem erst auf, wenn sie lange genug dieselben geblieben sind.

Beim Bürgermeister war es dieser Blick.

Kurz vor zwölf, manchmal ein paar Minuten früher, manchmal später. Erst hinaus auf den Marktplatz. Dann nach oben, in den Himmel über Ravenau. Nie lang. Nie auffällig genug, dass es jemand erklären müsste. Aber oft genug, dass man irgendwann nicht mehr daran vorbeisieht.

Heute war der Platz heller als die letzten Tage. Das Licht lag scharf auf dem Pflaster, fast schon zu freundlich für die Kühle, die noch in der Luft hing. Im Café roch es nach Kaffee, gespülten Tassen und dieser halben Ruhe zwischen Vormittag und Mittag, in der der Raum kurz so wirkt, als würde er selbst Atem holen.

Der Bürgermeister kam wie so oft ohne großes Aufsehen herein.

Er ist keiner von denen, die einen Raum mit sich füllen, nur weil sie eintreten. Vielleicht liegt gerade darin seine Art von Präsenz. Die Leute bemerken ihn nicht, weil er laut wäre. Sondern weil sie wissen, wer er ist, selbst wenn niemand etwas sagt.

Er bestellte, nickte knapp und stellte sich mit der Tasse ans Fenster.

Draußen fuhr ein Fahrrad über den Platz. Zwei Kinder liefen mit viel zu großen Schultaschen aneinander vorbei. Vor der Kirche blieb kurz ein Lieferwagen stehen, als hätte er vergessen, warum er eigentlich da war. Alles ganz normal. Und dann hob der Bürgermeister wieder den Blick.

Erst hinaus. Dann nach oben.
„Er macht das noch immer.“

Ich drehte mich um. Die Stimme kam von der älteren Frau am kleinen Tisch links hinten. Sie sitzt dienstags und donnerstags fast immer dort, trinkt ihren Kaffee langsam und hat die Art von Gesicht, das nicht neugierig wirkt, aber meistens mehr sieht als alle anderen im Raum.

„Was genau?“, fragte ich.

Sie sah nicht zu mir, sondern ebenfalls hinaus.
„Na das.“
Mehr sagte sie erst nicht.

Der Bürgermeister stand noch immer am Fenster. Nicht reglos. Nur kurz stiller als sonst. Dann trank er einen Schluck, setzte die Tasse ab und sah wieder hinaus, diesmal nur auf den Platz.

„Vielleicht schaut er einfach, wie das Wetter wird“, sagte ich, obwohl ich selbst nicht wusste, warum.

Die Frau lächelte kaum merklich.
„Vielleicht.“

Dann nahm sie ihre Tasche, stand auf, zahlte wie immer passend und ging. Keine Erklärung. Kein Nachsatz. Nur dieser eine Satz, der plötzlich schwerer im Raum hing, als er es eigentlich gedurft hätte.

Er macht das noch immer.

Immer noch seit wann?
Immer noch warum?
Immer noch wegen wem?

Manchmal reicht in Ravenau ein einziges Wort zu viel oder zu wenig, und ein ganz normaler Vormittag hat plötzlich einen Schatten mehr, als vorher da war.

Der Bürgermeister blieb heute nicht lange. Er nahm den letzten Schluck, nickte kurz in den Raum hinein, wie jemand, der es gewohnt ist, dass man ihn kennt, ohne dass er sich zu erkennen geben muss, und ging wieder hinaus auf den Platz.

Draußen blieb er für einen Moment in der Sonne stehen.

Nicht lange. Gerade so, als hätte er geprüft, ob etwas noch da ist, das nur er vermissen würde, wenn es fehlte.

Dann ging er weiter.

Ich stand noch eine Weile hinter dem Tresen und sah hinaus. Auf dieselben Steine, dieselben Fenster, dieselbe Kirche, an der das Licht um diese Uhrzeit heller hängt als am ganzen Vormittag. Alles sah aus wie immer.

Und doch hatte der Platz plötzlich dieses leise Mehr, das Ravenau manchmal bekommt, wenn jemand etwas sagt, das nicht als Erklärung gedacht war.

Am Nachmittag dachte ich noch einmal an den Satz.

Nicht daran, dass er nach oben schaut. Sondern daran, dass offenbar jemand weiß, dass er es schon sehr lange tut.

Dies ist nur ein Augenblick. Ravenau hat noch viele davon.