Gegenüber

Gegenüber: Wo es gestern noch lag, Teil 6

Heute Morgen war es weg.

Ich habe es sofort gesehen, noch bevor ich die Tür ganz aufgeschlossen hatte. Wahrscheinlich gerade deshalb. Manche Dinge bemerkt man nur, solange sie da sind. Andere erst in dem Moment, in dem sie fehlen. Das gelbe Radschloss auf dem Stromkasten gegenüber gehörte offenbar zur zweiten Sorte.

Seit Wochen lag es dort. Bei Regen. Bei Sonne. In dieser seltsamen Zeit zwischen Winter und Frühling, in der Ravenau nie ganz entscheiden will, was es schon ist und was noch nicht. Es lag schief, staubig, irgendwann fast selbstverständlich dort oben, als hätte es sich den Platz ausgesucht und nicht einfach nur verloren gegangen.

Und heute war die Fläche leer. Nichts Dramatisches. Kein Zeichen. Kein Rest. Nicht einmal der Abdruck von etwas, das zu lange an derselben Stelle gelegen hat. Nur der graue Kasten, so unschuldig wie immer, und eine merkwürdige Leere obendrauf, die größer wirkte, als sie vernünftig gewesen wäre.

Ich stand ein paar Sekunden länger in der Tür, als nötig gewesen wäre. Drinnen lief schon die Maschine an. Das erste Licht lag schräg über dem Boden, und draußen zog ein Wind über den Marktplatz, der eher nach kaltem Morgen als nach Frühling roch. Alles war wie sonst. Nur eben nicht ganz.

Vielleicht gewöhnt man sich schneller an Dinge, als man zugeben möchte.

Der erste Gast sagte heute nichts Besonderes. Espresso, wie immer. Die Frau vom Fensterplatz kam später als sonst. Zwei Schüler holten sich etwas zum Mitnehmen, redeten zu laut und waren drei Sekunden nach dem Bezahlen schon wieder draußen. Ein ganz normaler Vormittag, wenn man so will.

Und trotzdem ging mein Blick immer wieder hinaus. Dorthin, wo es gestern noch lag.

Es ist merkwürdig, wie schnell eine Kleinigkeit Teil einer Landschaft wird. Nicht, weil sie wichtig ist. Sondern weil sie da ist. Tag für Tag. So lange, bis man irgendwann glaubt, sie gehöre dazu. Und wenn sie dann fehlt, verschiebt sich etwas. Nicht im Platz. Eher in einem selbst.

Gegen Mittag kam ein Mann herein, den ich schon ein paarmal gesehen hatte, ohne ihn einordnen zu können. Nicht alt, nicht jung. Dunkler Mantel, obwohl es dafür eigentlich schon fast zu mild war. Er bestellte einen Americano, stellte sich an die Scheibe und sah für einen Moment direkt auf den Stromkasten.

Nicht suchend. Nicht auffällig. Eher so, als würde er prüfen, ob etwas noch da ist, mit dem er gerechnet hatte. Dann setzte er sich nicht einmal. Nahm den Becher, nickte knapp und ging wieder. Vielleicht war es Zufall.

Vielleicht schaue ich inzwischen schon zu genau hin. Ravenau macht so etwas mit einem. Diese Stadt hat eine Art, belanglose Dinge still wachsen zu lassen, bis sie plötzlich größer wirken, als sie sein dürften.

Am Nachmittag blieb der Platz für ein paar Minuten fast leer. Nur ein Fahrrad fuhr vorbei, irgendwo klapperte etwas Metallisches, und für einen Augenblick sah der Stromkasten aus wie immer — nur ohne dieses kleine gelbe Etwas, das ihn die letzten Wochen fast menschlich gemacht hatte.

Ich hätte nicht gedacht, dass mir ein verschwundenes Radschloss fehlt.

Nicht das Schloss selbst natürlich. Eher die Gewissheit, dass manche Dinge einfach liegen bleiben. Dass nicht alles gleich wieder verschwindet.

Vielleicht ist genau das das Unruhige an heute. Nicht, dass es weg ist. Sondern dass es offenbar jemand mitgenommen hat.

Und manchmal fangen die seltsamsten Gedanken genau da an, wo vorher nur etwas ganz Belangloses gelegen hat.

Dies ist nur ein Augenblick. Ravenau hat noch viele davon.