„Ist das wirklich vegan und ohne Zucker?“
Die Frage hörte ich an diesem Tag öfter als meinen eigenen Namen. Was nicht schwer ist. Den kennt hier schließlich kaum jemand. Eigentlich war es nur eine neue Sorte Eis. Kein großer Umbau der Karte. Keine Kampagne. Kein Schild, das schon von der anderen Seite des Marktplatzes aus verkündete, dass im Café nun eine neue Zeitrechnung begonnen hatte. Nur ein kleiner Hinweis auf der Tafel neben der Theke:
Vanille. Vegan. Ohne Zuckerzusatz.
Ich hatte mit ein paar neugierigen Bestellungen gerechnet. Vielleicht mit einer Diskussion darüber, ob Eis ohne Milch und Zucker überhaupt noch Eis sein darf. In Ravenau findet sich schließlich für fast jede Kleinigkeit jemand, der ihre grundsätzliche Berechtigung hinterfragt.
Womit ich nicht gerechnet hatte, waren die neuen Gesichter. Die erste Frau kam kurz nach zehn. Ich hatte sie schon öfter über den Marktplatz gehen sehen, aber noch nie im Café. Sie las die Tafel zweimal, trat näher und fragte genau diesen Satz: „Für mich auch?“
Nicht direkt so. Erst fragte sie, ob das Eis wirklich vegan sei. Dann, ob Zucker drin wäre. Danach lächelte sie kurz und sagte: „Dann ist heute ja sogar für mich etwas dabei.“ Sie setzte sich ans Fenster und aß langsam. Nicht prüfend. Eher so, als hätte sie gar nicht erwartet, hier jemals etwas bestellen zu können, ohne vorher eine halbe Liste an Fragen stellen zu müssen.
Später kam ein älterer Mann, der erklärte, er müsse auf seinen Zucker achten. Er sagte es in diesem entschuldigenden Ton, den Menschen manchmal annehmen, wenn ihr Körper eigene Regeln aufstellt und sie glauben, diese Regeln würden anderen Umstände machen. Ich sagte nur: „Dann passt das heute.“ Er nahm zwei Kugeln.
Kurz danach kam eine junge Frau in Sportkleidung, die wissen wollte, ob wir künftig vielleicht auch einen veganen Kuchen anbieten würden. Eine Mutter fragte nach einer Sorte für ihren Sohn. Ein Mann, den ich bisher nur mit schwarzem Kaffee gesehen hatte, bestellte eine Kugel aus reiner Neugier und sagte anschließend, dass er sich unter zuckerfrei deutlich trauriger vorgestellt habe.
Das war vermutlich als Kompliment gemeint. Im Laufe des Tages merkte ich, wie sich der Raum veränderte. Nicht sichtbar. Die Tische standen da wie immer. Die Maschine lief. Draußen lag die Wärme über dem Marktplatz, und durch die offene Tür kam hin und wieder ein Luftzug, der nur so tat, als würde er kühlen.
Aber es waren andere Menschen da.
Menschen, die vorher vielleicht an der Tür vorbeigegangen waren, weil sie angenommen hatten, dass für sie ohnehin nichts dabei sei. Menschen, die die Karte nicht nach dem Schönsten absuchten, sondern zuerst nach dem, was überhaupt möglich war. Vielleicht denkt man zu selten darüber nach, was eine Speisekarte eigentlich sagt. Nicht nur darüber, was es gibt.
Sondern auch darüber, für wen ein Ort gedacht ist.
Am Nachmittag war das Eis fast ausverkauft. Natürlich.
Wenn man wenig bestellt, weil man erst einmal testen möchte, wollen es plötzlich alle. Vielleicht ist das ein Naturgesetz der Gastronomie. Oder einfach Ravenau. Jedenfalls stand ich irgendwann mit dem letzten Behälter vor mir und rechnete, wie viele Kugeln daraus noch werden könnten, während schon die nächste Kundin wissen wollte, ob es morgen wieder welches gäbe.
„Bestimmt“, sagte ich.
In diesem Moment beschloss ich es erst.
Vielleicht würden wir wirklich mehr ausprobieren. Einen veganen Kuchen. Etwas ohne Zucker. Vielleicht auch etwas, nach dem noch niemand gefragt hatte, weil man sich angewöhnt hatte, gar nicht erst zu fragen.
Nicht alles Neue funktioniert.
Manches bleibt auf der Tafel stehen, bis man es irgendwann wieder wegwischt. Manches wird einmal bestellt und nie wieder. Und manchmal stellt man nur eine neue Sorte Eis in die Kühlung und merkt plötzlich, dass dadurch Menschen hereinkommen, die vorher nicht wussten, ob sie hier überhaupt gemeint sind.
Die letzte Kugel bekam die Frau vom Vormittag. Sie stand an der Theke, sah auf den fast leeren Behälter und fragte lächelnd: „Für mich auch noch?“ Ich nahm den Löffel. „Gerade noch.“
Sie setzte sich wieder ans Fenster. Und das Café fühlte sich für einen Moment nicht voller an als sonst.
Nur ein wenig größer.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.
„Ist das wirklich vegan und ohne Zucker?“
Die Frage hörte ich an diesem Tag öfter als meinen eigenen Namen. Was nicht schwer ist. Den kennt hier schließlich kaum jemand. Eigentlich war es nur eine neue Sorte Eis. Kein großer Umbau der Karte. Keine Kampagne. Kein Schild, das schon von der anderen Seite des Marktplatzes aus verkündete, dass im Café nun eine neue Zeitrechnung begonnen hatte. Nur ein kleiner Hinweis auf der Tafel neben der Theke:
Vanille. Vegan. Ohne Zuckerzusatz.
Ich hatte mit ein paar neugierigen Bestellungen gerechnet. Vielleicht mit einer Diskussion darüber, ob Eis ohne Milch und Zucker überhaupt noch Eis sein darf. In Ravenau findet sich schließlich für fast jede Kleinigkeit jemand, der ihre grundsätzliche Berechtigung hinterfragt.
Womit ich nicht gerechnet hatte, waren die neuen Gesichter. Die erste Frau kam kurz nach zehn. Ich hatte sie schon öfter über den Marktplatz gehen sehen, aber noch nie im Café. Sie las die Tafel zweimal, trat näher und fragte genau diesen Satz: „Für mich auch?“
Nicht direkt so. Erst fragte sie, ob das Eis wirklich vegan sei. Dann, ob Zucker drin wäre. Danach lächelte sie kurz und sagte: „Dann ist heute ja sogar für mich etwas dabei.“ Sie setzte sich ans Fenster und aß langsam. Nicht prüfend. Eher so, als hätte sie gar nicht erwartet, hier jemals etwas bestellen zu können, ohne vorher eine halbe Liste an Fragen stellen zu müssen.
Später kam ein älterer Mann, der erklärte, er müsse auf seinen Zucker achten. Er sagte es in diesem entschuldigenden Ton, den Menschen manchmal annehmen, wenn ihr Körper eigene Regeln aufstellt und sie glauben, diese Regeln würden anderen Umstände machen. Ich sagte nur: „Dann passt das heute.“ Er nahm zwei Kugeln.
Kurz danach kam eine junge Frau in Sportkleidung, die wissen wollte, ob wir künftig vielleicht auch einen veganen Kuchen anbieten würden. Eine Mutter fragte nach einer Sorte für ihren Sohn. Ein Mann, den ich bisher nur mit schwarzem Kaffee gesehen hatte, bestellte eine Kugel aus reiner Neugier und sagte anschließend, dass er sich unter zuckerfrei deutlich trauriger vorgestellt habe.
Das war vermutlich als Kompliment gemeint. Im Laufe des Tages merkte ich, wie sich der Raum veränderte. Nicht sichtbar. Die Tische standen da wie immer. Die Maschine lief. Draußen lag die Wärme über dem Marktplatz, und durch die offene Tür kam hin und wieder ein Luftzug, der nur so tat, als würde er kühlen.
Aber es waren andere Menschen da.
Menschen, die vorher vielleicht an der Tür vorbeigegangen waren, weil sie angenommen hatten, dass für sie ohnehin nichts dabei sei. Menschen, die die Karte nicht nach dem Schönsten absuchten, sondern zuerst nach dem, was überhaupt möglich war. Vielleicht denkt man zu selten darüber nach, was eine Speisekarte eigentlich sagt. Nicht nur darüber, was es gibt.
Sondern auch darüber, für wen ein Ort gedacht ist.
Am Nachmittag war das Eis fast ausverkauft. Natürlich.
Wenn man wenig bestellt, weil man erst einmal testen möchte, wollen es plötzlich alle. Vielleicht ist das ein Naturgesetz der Gastronomie. Oder einfach Ravenau. Jedenfalls stand ich irgendwann mit dem letzten Behälter vor mir und rechnete, wie viele Kugeln daraus noch werden könnten, während schon die nächste Kundin wissen wollte, ob es morgen wieder welches gäbe.
„Bestimmt“, sagte ich.
In diesem Moment beschloss ich es erst.
Vielleicht würden wir wirklich mehr ausprobieren. Einen veganen Kuchen. Etwas ohne Zucker. Vielleicht auch etwas, nach dem noch niemand gefragt hatte, weil man sich angewöhnt hatte, gar nicht erst zu fragen.
Nicht alles Neue funktioniert.
Manches bleibt auf der Tafel stehen, bis man es irgendwann wieder wegwischt. Manches wird einmal bestellt und nie wieder. Und manchmal stellt man nur eine neue Sorte Eis in die Kühlung und merkt plötzlich, dass dadurch Menschen hereinkommen, die vorher nicht wussten, ob sie hier überhaupt gemeint sind.
Die letzte Kugel bekam die Frau vom Vormittag. Sie stand an der Theke, sah auf den fast leeren Behälter und fragte lächelnd: „Für mich auch noch?“ Ich nahm den Löffel. „Gerade noch.“
Sie setzte sich wieder ans Fenster. Und das Café fühlte sich für einen Moment nicht voller an als sonst.
Nur ein wenig größer.
—
Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.
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