Gegenüber

Gegenüber: So selbstverständlich, Teil 14

Es gibt Paare, die einen Raum verändern, ohne viel dafür zu tun.

Nicht, weil sie laut sind. Nicht, weil sie gesehen werden wollen. Eher im Gegenteil. Sie kommen, setzen sich, bestellen etwas, und plötzlich wirkt selbst ein ganz normaler Vormittag ein wenig ruhiger, als wäre mit ihnen noch etwas anderes hereingekommen, das sich schlecht benennen lässt und gerade deshalb bleibt. Die beiden am Fenster gehören dazu.

Sie kommen nicht jeden Tag. Nicht einmal jede Woche, soweit ich das überblicke. Aber oft genug, dass ihr Tisch längst nicht mehr irgendein Tisch ist. Wenn er frei ist, setzen sie sich dorthin. Wenn nicht, warten sie manchmal kurz, als hätten sie gelernt, dass manches nicht groß begründet werden muss, wenn man weiß, was man lieber mag. Sie sind kein junges Paar. Nicht alt, aber doch in einem Alter, in dem Nähe meistens nicht mehr so tut, als müsse sie sich dauernd beweisen. Vielleicht ist es genau das, was ich an ihnen mag. Dass sie oft Händchen halten.

Nicht die ganze Zeit. Nicht demonstrativ. Kein kleines Theater für die anderen Tische. Eher so, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, während eines Kaffees mit der eigenen Hand bei der des anderen zu landen und sie dort auch zu lassen. Heute saßen sie wieder am Fenster. Draußen lag der Marktplatz in diesem hellen Licht, das Ravenau freundlicher aussehen lässt, als man es an manchen Tagen erwartet. Drinnen war es nicht voll, aber auch nicht leer. Genug Bewegung, dass die beiden niemandem hätten auffallen müssen. Und trotzdem tat ich es sofort.

Der eine hatte die Hand schon um die Tasse gelegt, der andere seine noch auf dem Tisch. Irgendwann schob sich die eine einfach zur anderen. Kein Blick dazu. Kein Satz. Keine Unterbrechung. Nur diese kleine Bewegung, die wir Menschen wahrscheinlich häufiger brauchen, als wir zugeben. Ich glaube, was daran so gut aussieht, ist nicht Romantik. Oder jedenfalls nicht nur. Es ist Ruhe.

Diese besondere Art von Ruhe, die entsteht, wenn zwei Menschen sich nicht erst herstellen müssen. Wenn nichts an ihnen nach Aufführung aussieht. Wenn Nähe nicht wirkt wie ein Moment, sondern wie etwas, das längst zu ihrem Alltag gehört und gerade deshalb so leicht geworden ist. Zwei Frauen am Nebentisch sahen kurz zu ihnen hinüber. Nicht lange. Nur diesen kleinen Blick, den man wirft, wenn einem etwas auffällt, das still genug ist, um nicht zu stören, und schön genug, um kurz hängen zu bleiben. Einer der beiden Männer lachte später über etwas, das der andere sagte. Nicht laut. Eher tief und kurz, so, als hätte er denselben Satz vor zwanzig Jahren schon gut gefunden und fände ihn noch immer gut.

Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht legt man zu viel in Menschen hinein, wenn man sie nur in Ausschnitten kennt. Aber manches muss man nicht wissen, um es zu erkennen. Zum Beispiel, dass diese beiden gerne zusammen am Fenster sitzen. Dass sie sich Zeit lassen. Dass ihre Hände sich suchen, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Und dass Ravenau an Tagen, an denen sie da sind, für einen Moment aussieht, als wäre es eine Stadt, in der genau das niemanden erklären muss.

Vielleicht ist das das Schönste an ihnen. Nicht, dass sie Händchen halten. Sondern wie selbstverständlich sie es tun.

Dies ist nur ein Augenblick.
Ravenau hat noch viele davon.
Eine Geschichte aus Ravenau von Jürgen Kudlacek-Pertl.