Es gibt Gäste, die bestellen einen Kaffee. Und es gibt Gäste, die bringen gleich eine ganze Haltung mit.
Er gehört zur zweiten Sorte.
Jung, vielleicht Mitte zwanzig. Zu jung für diese Art von Selbstverständlichkeit, denke ich manchmal. Er kommt nicht jeden Tag, aber oft genug, dass sein Platz längst nicht mehr einfach nur ein Platz ist. Hinten rechts, der Lehnstuhl in der Ecke, von dem aus man den halben Raum sieht und gleichzeitig so tun kann, als wäre man allein.
Er trägt fast immer Sportklamotten. Nicht die Art, die nach Joggingrunde aussieht, sondern die teure Version davon. Stoffe, die zu sauber sitzen. Schuhe, die aussehen, als hätten sie mehr gekostet als mein Wocheneinkauf. Dazu bestellt er jedes Mal einen Soja-Latte, als wäre auch das Teil eines Trainingsplans, den niemand sehen soll.
Dann setzt er sich. Und bleibt.
Eine Stunde. Manchmal zwei. Mit dem Handy in der Hand, die meiste Zeit. Nicht hektisch. Nicht nervös. Eher so, als würde dort drin etwas laufen, das wichtiger ist als alles, was um ihn herum passiert.
Er wirkt nicht unfreundlich. Er nickt, sagt danke, zahlt ordentlich. Einer von denen, bei denen man im ersten Moment denkt: geschniegelt, geschniegelt durchs Leben. Und im zweiten Moment fragt man sich dann doch, warum jemand, der so geschniegelt wirkt, so lange in einem Café sitzen bleibt, ohne wirklich anzukommen.
Draußen war heute wieder einer dieser Ravenau-Tage, die sich nicht entscheiden können. Ein bisschen Sonne auf dem Marktplatz, aber noch Kälte im Schatten. Menschen mit offenen Jacken und Schals gleichzeitig. Gegenüber lag das gelbe Radschloss immer noch auf dem Stromkasten, als hätte es längst beschlossen, hierzubleiben.
Der junge Mann im Lehnstuhl sah kaum nach draußen.
Einmal hob er den Blick, kurz nur, als würde er prüfen, ob die Welt noch dieselbe ist. Dann wieder das Handy. Ein Wischen, ein Tippen, ein Warten. Vielleicht schrieb er jemandem. Vielleicht wartete er auf eine Nachricht. Vielleicht ist das heute ja schon fast dasselbe.
Was ich an ihm zuerst bemerkt habe, waren gar nicht die Klamotten. Sondern wie still er sitzt. Sportliche Menschen haben oft etwas von Vorwärtsdrang, selbst im Sitzen. Bei ihm ist das anders. Eher gesammelt. Fast zu kontrolliert. Als würde er sich selbst nicht erlauben, einfach nur herumzusitzen, obwohl er genau das tut.
Neulich stand seine Tasse noch halb voll da, als er zum Telefonieren nach draußen ging. Er blieb länger weg, als ich dachte. Als er zurückkam, wirkte er nicht verärgert. Nicht erleichtert. Eher so, als hätte das Gespräch genau das bestätigt, womit er ohnehin gerechnet hatte.
Er trank den Rest in einem Zug, sah kurz zur Tür und setzte sich wieder.
Manchmal frage ich mich, ob Menschen wie er ins Café kommen, weil sie Kaffee wollen.
Oder weil man hier sitzen kann, ohne gefragt zu werden, warum man noch nicht weitergeht.
Er ist jung. Er sieht gut aus. Er trägt Geld am Körper wie andere Leute Unsicherheit.
Und trotzdem wirkt es manchmal, als wäre der Lehnstuhl in der Ecke der einzige Ort in Ravenau, an dem er kurz nicht liefern muss.
Heute ging er nach fast zwei Stunden.
Wie immer leise.
Wie immer ohne Eile.
Seine Tasse war leer.
Sein Blick nicht.
—
Dies ist nur ein Augenblick. Ravenau hat noch viele davon.
Es gibt Gäste, die bestellen einen Kaffee. Und es gibt Gäste, die bringen gleich eine ganze Haltung mit.
Er gehört zur zweiten Sorte.
Jung, vielleicht Mitte zwanzig. Zu jung für diese Art von Selbstverständlichkeit, denke ich manchmal. Er kommt nicht jeden Tag, aber oft genug, dass sein Platz längst nicht mehr einfach nur ein Platz ist. Hinten rechts, der Lehnstuhl in der Ecke, von dem aus man den halben Raum sieht und gleichzeitig so tun kann, als wäre man allein.
Er trägt fast immer Sportklamotten. Nicht die Art, die nach Joggingrunde aussieht, sondern die teure Version davon. Stoffe, die zu sauber sitzen. Schuhe, die aussehen, als hätten sie mehr gekostet als mein Wocheneinkauf. Dazu bestellt er jedes Mal einen Soja-Latte, als wäre auch das Teil eines Trainingsplans, den niemand sehen soll.
Dann setzt er sich. Und bleibt.
Eine Stunde. Manchmal zwei. Mit dem Handy in der Hand, die meiste Zeit. Nicht hektisch. Nicht nervös. Eher so, als würde dort drin etwas laufen, das wichtiger ist als alles, was um ihn herum passiert.
Er wirkt nicht unfreundlich. Er nickt, sagt danke, zahlt ordentlich. Einer von denen, bei denen man im ersten Moment denkt: geschniegelt, geschniegelt durchs Leben. Und im zweiten Moment fragt man sich dann doch, warum jemand, der so geschniegelt wirkt, so lange in einem Café sitzen bleibt, ohne wirklich anzukommen.
Draußen war heute wieder einer dieser Ravenau-Tage, die sich nicht entscheiden können. Ein bisschen Sonne auf dem Marktplatz, aber noch Kälte im Schatten. Menschen mit offenen Jacken und Schals gleichzeitig. Gegenüber lag das gelbe Radschloss immer noch auf dem Stromkasten, als hätte es längst beschlossen, hierzubleiben.
Der junge Mann im Lehnstuhl sah kaum nach draußen.
Einmal hob er den Blick, kurz nur, als würde er prüfen, ob die Welt noch dieselbe ist. Dann wieder das Handy. Ein Wischen, ein Tippen, ein Warten. Vielleicht schrieb er jemandem. Vielleicht wartete er auf eine Nachricht. Vielleicht ist das heute ja schon fast dasselbe.
Was ich an ihm zuerst bemerkt habe, waren gar nicht die Klamotten. Sondern wie still er sitzt. Sportliche Menschen haben oft etwas von Vorwärtsdrang, selbst im Sitzen. Bei ihm ist das anders. Eher gesammelt. Fast zu kontrolliert. Als würde er sich selbst nicht erlauben, einfach nur herumzusitzen, obwohl er genau das tut.
Neulich stand seine Tasse noch halb voll da, als er zum Telefonieren nach draußen ging. Er blieb länger weg, als ich dachte. Als er zurückkam, wirkte er nicht verärgert. Nicht erleichtert. Eher so, als hätte das Gespräch genau das bestätigt, womit er ohnehin gerechnet hatte.
Er trank den Rest in einem Zug, sah kurz zur Tür und setzte sich wieder.
Manchmal frage ich mich, ob Menschen wie er ins Café kommen, weil sie Kaffee wollen.
Oder weil man hier sitzen kann, ohne gefragt zu werden, warum man noch nicht weitergeht.
Er ist jung. Er sieht gut aus. Er trägt Geld am Körper wie andere Leute Unsicherheit.
Und trotzdem wirkt es manchmal, als wäre der Lehnstuhl in der Ecke der einzige Ort in Ravenau, an dem er kurz nicht liefern muss.
Heute ging er nach fast zwei Stunden.
Wie immer leise.
Wie immer ohne Eile.
Seine Tasse war leer.
Sein Blick nicht.
—
Dies ist nur ein Augenblick. Ravenau hat noch viele davon.
DIESEN ARTIKEL JETZT TEILEN:
DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN: