Gegenüber

Gegenüber: Zwischen Winter und Frühling, Teil 2

In Ravenau scheint man sich gerade nicht entscheiden zu wollen.

Gestern früh lag noch Kälte auf dem Marktplatz, so klar und trocken, dass jeder Schritt darüber ein wenig härter klang als sonst. Heute hängt die Luft milder zwischen den Häusern, als hätte der Frühling kurz hereingeschaut, nur um zu prüfen, ob sich das hier schon lohnt.

Ich merke so etwas inzwischen vor allem an der Tür.

An kalten Tagen kommen die Leute schneller herein. Schultern oben, Hände schon an der Tasse, bevor sie überhaupt bestellt haben. Wenn es milder wird, bleiben manche einen Moment länger draußen stehen. Schauen über den Platz, kneifen die Augen gegen das helle Licht, als hätten sie fast vergessen, dass es so etwas auch noch gibt.

Ravenau trägt diese Tage erstaunlich gut. Dieses Hin und Her. Morgens Winter, mittags fast April, abends wieder der Gedanke, dass es klüger gewesen wäre, doch den dickeren Mantel zu nehmen.

Gegenüber auf dem Platz liegt das gelbe Radschloss noch immer auf dem Stromkasten. Heute wirkte es zum ersten Mal nicht verloren, sondern einfach nur sonnenwarm. Es ist seltsam, was ein bisschen Licht mit Dingen macht. Selbst mit solchen, die niemand vermisst.

Im Café beschlagen die Scheiben an den frühen Stunden noch leicht. Später zieht die Wärme sie wieder frei, und für einen Augenblick sieht alles dort draußen freundlicher aus, als es wahrscheinlich ist. Zwei Tische weiter saß heute ein Mann im leichten Mantel, obwohl es dafür eigentlich noch zu früh war. Kurz darauf kam eine Frau herein, mit Schal, Handschuhen und diesem Blick, den Leute haben, wenn sie dem Wetter grundsätzlich misstrauen.

Beide hatten wahrscheinlich recht.

Vielleicht ist das der eigentliche Übergang. Nicht Winter. Nicht Frühling. Sondern diese Tage dazwischen, an denen niemand genau weiß, was schon vorbei ist und was gerade erst anfängt.

Ravenau kann das. Diese Unentschiedenheit. Diese Art, nichts endgültig zu machen, bevor es wirklich so weit ist. Manchmal denke ich, die Stadt ist genau dann am meisten sie selbst, wenn sie sich noch nicht festgelegt hat.

Heute roch es am frühen Morgen noch nach Kälte. Jetzt, am Nachmittag, eher nach nassem Stein und einer Jahreszeit, die sich langsam bemerkbar macht.

Morgen kann es schon wieder anders sein.

Und wahrscheinlich gehört auch das hier zu den Dingen, die in Ravenau nie einfach nur Wetter sind.

Dies ist nur ein Augenblick. Ravenau hat noch viele davon.